Ten rules about typography – by Kurt Weidemann

In Memo­riam Kurt Wei­de­mann. An arti­cle about ten rules for good typography.

Unfor­t­u­na­tely in Ger­man, but maybe there is a trans­la­tion some­where on the inter­net. If you find it, please let me know and I will post a new link.

1. Typo­gra­phie ist die Kunst des fei­nen Maßes. Ein Zuwe­nig und Zuschwach ent­fernt sie ebenso von der Meis­ter­schaft wie ein Zuviel und Zustark

2. Typo­gra­phie ist eine Dienst­leis­tung. Die Kunst dabei ist vor allem die Kunst, von sich selbst weit­ge­hend abse­hen zu kön­nen, sich nicht zwi­schen Autor und Leser zu drän­gen. Schrift­kunst ist anonym; sie hat ihre Ken­ner, aber sie hat kein Publikum.

3. Typo­gra­phie hat schon vor Jahr­hun­der­ten ihre gül­ti­gen For­men gefun­den. Dafür haben sich Gebote und Regeln gebil­det und bewährt, die dem Auge und der Hand die­nen, dem Sehen und begrei­fen. Ergrei­fen zielt auf Besitz. Begrei­fen för­dert die Einsicht.

4. Typo­gra­phie im Abend­land arbei­tet mit einem zwei­tau­send­jäh­ri­gen kaum zu ver­än­dern­den Zei­chen­vor­rat des römi­schen Alpha­be­tes. Die Grund­for­men ihrer Anwen­dung sind so gül­tig wie die For­men von Beil, Sichel, Pflug­schar. Das Rad muß nicht immer wie­der neu erfun­den werden.

5. Typo­gra­phie setzt logi­sches Den­ken und psy­cho­lo­gi­sches Ver­mö­gen vor­aus. Das Lesen nach­ein­an­der geord­ne­ter Buch­sta­ben und Worte setzt die Fähig­keit zum Fol­ge­den­ken vor­aus. Das ist müh­se­lig und kann nur durch gute Typo­gra­phie erleich­tert wer­den. Gestal­te­ri­sche Mätz­chen sind Ver­rat am Text.

6. Typo­gra­phie ist Umwelt­schutz der Augen, die es zwar zu öffnen und zu inter­es­sie­ren, aber nicht zu ver­wir­ren und zu belei­di­gen gilt. Das Sicht­bar­ma­chen von Spra­che in all ihrer Aus­drucks­viel­falt ist an den Grund­zei­chen­vor­rat des Alpha­be­tes, die Gesetze des Sehens und Ver­ste­hens und die Gewohn­hei­ten des Lesens gebunden.

7. Typo­gra­phie struk­tu­riert Infor­ma­tion und berei­tet sie nach ihrem Inhalt auf: nach sachlich-logischen und mit ästhetisch-emotionalen Gesichts­punk­ten. Schlech­ter Satz ist unso­zial. Wis­sen und Kön­nen füh­ren zur Erkennt­nis. Erkennt­nis führt zu Hal­tung und Stil. Hal­tung und Stil befä­hi­gen zur Überzeugung.

8. Typo­gra­phie bil­det durch Schrift. Schrift­wahl ist Cha­rak­ter­wahl. Sie cha­rak­te­ri­siert ihren Ent­wer­fer, ent­larft Phra­sen, fal­sches Pathos, Gemein­plätze, Anbie­de­run­gen. Selbst­über­schät­zung ist ein siche­res Zei­chen für Dilet­tan­tis­mus. Mit der Wahr­heit leben ver­mei­det Gedächtniskonflikte.

9. Typo­gra­phie stellt so viel­fäl­tige Auf­ga­ben, mit so unter­schied­li­chen Zie­len, daß eng­stir­nige Stil­fa­na­ti­ker in Kon­flikte kom­men. Stil­fa­na­tis­mus endet in Rou­tine. Rou­tine ist kalt und abwei­send. Etwas ver­steh­bar machen ist erst die Vor­stufe zum Erlebbarmachen.

10. Typo­gra­phie kennt nur wenige Regeln und Meis­ter, die nicht zu kopie­ren, aber zu kapie­ren sind. Die Kunst, Spra­che in der ihr ange­mes­se­nen Form sicht­bar, les­bar und ver­steh­bar, also: ein­sich­tig zu machen, ist allei­ni­ges Ziel. In der Typo­gra­phie gibt es so wenig grund­sätz­lich neu zu erfin­den wie in der Koch­kunst oder im Bett.

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